Konzert-Review: Agnes Obel, 9. November 2013 im Kaufleuten Zürich

Die Überraschung war gross, als man relativ pünktlich zu Konzertbeginn der angekündigten Vorband um 19.45 Uhr ins Kaufleuten Zürich trat, denn im Foyer war es totenstill. Kein Gedränge an der Garderobe, kein Gelächter, keine Gespräche, eigentlich war da gar niemand. Wenn man sich dann doch traute, leicht irritiert den Kopf durch die Tür zum Konzertsaal zu strecken, stellte man fest, dass das Konzert bereits begonnen hatte. Das merkte man aber hauptsächlich daran, dass alle bereits auf ihren Stühlen sassen und der Saal verdunkelt war – von der Bühne kriegte man noch nicht viel mit, eher war man damit beschäftigt, im finsteren Dunkel des Saals noch ein paar letzte Sitzplätze zu ergattern. Erst, als man ebenfalls sass, vernahm man aus den Boxen ein hauchendes Etwas, welches sich bald als Stimme der Sängerin Erin Lang alias Feral and Stray herausstellte, gepaart mit einem vor sich hinwummernden, krächzenden Bass. Die Eintönigkeit und Trägheit ihrer Songs, die ironischerweise recht simple Titel wie zum Beispiel „Quiet“ trugen und die müde vor sich hinhauchende Stimme liessen den Zuhörer bald in eine unfreiwillige, unangenehme Trance fallen, eine Stimmung, die irgendwie nach einem Glas Rotwein verlangte. Dieses konnte man sich aber nur erträumen, denn die Bars blieben während des Konzerts geschlossen, um keine Lärmbelästigung zu verursachen, und waren nur in der Umbaupause ganz kurz offen. So sass man mehr oder weniger den ganzen Abend auf dem Trockenen.

Die Hoffnung, mit Agnes Obel etwas mehr Abwechslung an diesem Abend zu bekommen, war nach dem trägen Start in den Konzertabend gross. Obel begann kurz nach halb neun ihr etwa einstündiges Set (exklusive der zwei Zugaben) gemeinsam mit einer Violonistin und einer Cellistin. Von nun an wurde man durch die weite, verträumte Landschaft ihrer Musik und durch ein Sammelsurium von Songs ihrer zwei Alben geführt. Oft wusste man dabei nicht mehr so recht, ob man sich gerade in einem klassischen Klavierkonzert befand oder wirklich an einem Konzert von Agnes Obel, bekannt für ihren spielerischen Umgang mit Indie und Folk. Dementsprechend ruhig und besinnlich ging es während des Konzertes zu und her, die Dänin agierte nur wenig mit dem Publikum, welches auch nicht so recht wusste, wie es sich verhalten sollte. Sogar das Klatschen nach den Stücken durchbrach die herrschende Stille im Raum so abrupt, dass man sich beinahe schämte für eine solch laute Dreistigkeit. Die Streicher untermalten Obels Klavierspiel und ihre zarte, ungewohnt rauhe Stimme (die Sängerin war erkältet, wie sich später herausstellte) gekonnt und grazil. Jedoch sprang der Funke von der Band zu den still und andächtig zuhörenden Leuten im Saal nicht über. Zu skurril mutete das ganze an, zu unnahbar gab sich die schüchterne Sängerin mit ihren Mitmusikerinnen. Nur, als Obel sich im Publikum einen Wollschal auslieh, um für einen Song die Saiten des Flügels zu dämpfen, konnte man sich ein gelöstes Lächeln nicht verkneifen und für keinen kurzen Moment fühlte man sich in der Gegenwart der anmutigen Agnes Obel plötzlich wohl.

Als die Sängerin nach ihrem doch recht kurzen Set von der Bühne trat, war der Applaus, trotz der Seltsamkeit des Konzertes, lang und kräftig. Man wusste nämlich sehr wohl, dass die Leistung der drei Musikerinnen an diesem Abend wirklich beachtlich gewesen war und einzig die etwas beklemmende Stimmung im Saal die Freude zu trüben vermochte. Zwei Zugaben gab Agnes Obel daraufhin noch. Als der Applaus aber trotz angehender Beleuchtung im Saal nicht verstummen wollte, erklärte die Sängerin entschuldigend, dass sie sehr erkältet sei und leider nicht mehr weitersingen konnte.

Man verzieh es ihr und schritt in die dunkle, kalte Novembernacht hinaus. Etwas irritiert, etwas selig, aber auch etwas enttäuscht.

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