Rückblick 2016

Nach einer längeren Pause als geplant, meldet sich Killerqueen aus dem Winterschlaf zurück. Klammheimlich hat mein Blog am 29. Dezember 2016 sein 5-jähriges Jubiläum gefeiert – Happy Birthday, lieber Blog, nachträglich. 🙂 Und zu diesem Jubiläum und besser spät als nie, gibt es nun auch endlich den musikalischen Rückblick aufs Jahr 2016.

Von Januar bis Dezember 2016 war ich an…
– 28 Konzerten (letztes Jahr: 35)
– 4 Tagen an Festivals (letztes Jahr: 7)

das macht im Schnitt…
– 2.7 Konzerttage pro Monat inkl. Festivals (letztes Jahr: 3.5)

Von diesen 28 Konzerten waren…
– 22 Konzerte mit männlichen Leadsängern (letztes Jahr: 30)
– 6 Konzerte mit weiblichen Leadsängerinnen (letztes Jahr: 5)

Bestes Album:
Jimmy Eat World – Integrity Blues

Bester Newcomer:
Rag’n’Bone Man

Beste Konzerte (nicht in relevanter Reihenfolge):
05.11. – Regina Spektor, Theater Gessnerallee Zürich
13.11. – Jimmy Eat World, Schüür Luzern
02.11. – Ezra Furman, Bogen F Zürich
19.09. – Walllis Bird, El Lokal Zürich
31.07. – Bruce Springsteen, Letzigrund Stadion Zürich
03.04. – Louis Barabbas & The Bedlam Six, El Lokal Zürich
23.11. – Who Killed Bruce Lee, Eldorado Zürich
13.01. – Frank Turner, Volkshaus Zürich

Überraschungs-Act:
Wallis Bird – Obwohl ich die quirlige Irin schon lange kenne und auch des öfteren schon live gesehen habe, hat sie mich dieses Jahr aufs Neue mit einem grandiosen, persönlichen Album und einem phänomenalen Konzert überrascht und begeistert.

Lieblingskünstler:
Ezra Furman – Ich kannte den jungen Burschen zwar schon sehr lange vom Namen her, habe mich aber leider nie genauer mit ihm befasst. Was für eine Schande! Dieses Jahr habe ich mich Hals über Kopf in den hochtalentierten Transgender verknallt. Das Konzert im Bogen F war mein persönliches Highlight der Konzertsaison 2016.

Konzert-Kritik: Rag’n’Bone Man, 9. Dezember 2016 im Bogen F in Zürich

Der Bogen F hatte sich für den ganz grossen Andrang gerüstet: Der Clubraum wurde entschlankt und die sperrigen Garderobenständer wurden kurzerhand zu einer voll funktionstüchtigen Garderobe umfunktioniert in einem der Bogen neben dem Konzertlokal, was eine sehr willkommene Neuerung war. Hauptsache Platz schaffen hiess die Devise – denn wenn Rory Graham alias Rag’n’Bone Man ruft, dann kommen die Massen.

Nur mit viel Glück durften die Konzertbesucher an diesem Abend den neu gefeierten Superstar nämlich noch in diesem kleinen und persönlichen Rahmen erleben, bevor er auch in der Schweiz mit Vollgas durchstartet. Bereits sind 2017 zwei nächste Konzerte in Zürich angekündigt, eines im Rahmen der Swiss Music Awards und ein weiteres wenig später in der neuen Halle 622 (Tickets via Starticket). Und wenn man den bärtigen und überaus sympathischen Bär einmal live erlebt hat, dann hat man auch überhaupt keine Probleme mehr, sich zu erkären, woher der bis anhin noch gänzlich unbekannte Engländer diesen Erfolg hat.

Schon im Elternhaus wurde Graham von seinen Eltern, beide ebenfalls Musiker, mit Blues geprägt. Als Jugendlicher wendete er sich jedoch mehrheitlich Hiphop zu und begann zu rappen. Geschickt und mit viel Feingefühl und Ideenreichtum begann er nach und nach, diese zwei Musikstile zu kombinieren und entwickelte so eine zeitgemässe und einnehmende neue Mischung von Hiphop, Blues und Soul. Nach einigen akustischen Gigs als Support-Act, unter anderem von Joan Armatrading, ging dann plötzlich alles ganz schnell. 2015 entdeckte ihn die BBC und bewarb ihn als neuste Entdeckung. In Windeseile kam Graham bei Columbia unter Vertrag und nun bringt er im Februar 2017 nach diversen EPs sein allerseits sehnlichst erwartetes Debütalbum heraus. Dieses heisst wie die bereits veröffentlichte gleichnamige Single, „Human“, welche bereits wie eine Rakete die Charts erstürmte.

Den ganzen Wirbel um seine Person merkte man dem gemütlichen Hünen jedoch überhaupt nicht an. Mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, die man kaum fassen konnte, schmetterte er mit beeindruckender Stimme seine Songs in den Raum als wäre es das Leichteste der Welt. Von seiner angeblichen Erkältung war überhaupt nichts zu hören, sein Stimmorgan war nach wie vor mächtig und absolut einzigartig. Er glänzte in emotionaler Kopfstimme ebenso wie in tieferen Lagen mit einer warmen, samtigen Stimmfarbe, konnte aber im nächsten Moment krächzend ausbrechen und richtig viel Soul in die Stimme bringen.

Die ideale Plattform bot ihm dafür seine gut eingespielte Band, und der perfekt abgemischte Sound schmeichelte seiner Performance natürlich noch zusätzlich. Der einizge Wermutstropfen war, dass Effekte wie Bläserensemble oder Streicher vom Synthesizer kamen. Hier hätte man sich zum vollendeten Genuss richtige Instrumente hergewünscht – aber das wäre zum aktuellen Stadium seiner Karriere, die ja noch in den Kinderschuhen steckt, für eine Clubtour etwas zuviel verlangt gewesen.

Es war jedenfalls ein gigantisches Erlebnis, dieses Ausnahmetalent live sehen zu dürfen. Und das erst noch in einem kleinen Rahmen im Bogen F, was für Graham’s momentanen Bekanntheitsgrad eigentlich so gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Seine Musik hat nun jedenfalls auch bei uns eingeschlagen wie eine Bombe. Man wird von Rag’n’Bone Man noch vieles hören in den nächsten Jahren und das ist wirklich, wirklich gut so.

Konzert-Kritik: Joan As Police Woman, 28. November 2016 im Bogen F in Zürich

Hinter Joan As Police Woman verbirgt sich die Singer/Songwriterin Joan Wasser, die immer wieder mit wechselnden Bandkombos und verschiedenen Künstlern zusammenarbeitet. Dieses Jahr ist der Auserwählte Benjamin Lazar Davis. Mit dem amerikanischen Multi-Instrumentalisten, Komponisten und Bandmitglied von Okkervil River hat sie diesen Herbst das Album „Let it be you“ veröffentlicht. Momentan sind die beiden mit ihren Mitmusikern gerade auf Tour und machten vor wenigen Tagen auch in Zürich Halt.

Joan Wasser hat in ihrer Karriere schon diverse Musikstile in ihre Arbeit einfliessen lassen und vieles ausprobiert, doch keines ihrer Alben wurde bisher so umfeiert wie ihr letztes Werk „Classic„. Die neue, optimistische Farbe stand ihr glänzend und das damals im Rahmen der Promotiontour durchgeführte Konzert (ebenfalls im Bogen F) war ein absolutes Highlight. Mit ihrem musikalischen Partner Benjamin Lazar Davis hat sie sich nun bass-wummerndem Elektro-Pop verschrieben und geht somit wieder einen Schritt zurück zur düsteren und nachdenklichen Joan.

Dies führte zu einem eher ruhigen und sphärischen Konzertabend im Bogen F und sorgte somit für wenig Spannung oder Überraschungen. Erschwerend kam hinzu, dass Joan durchaus ein paar wenige ältere Songs und Hits ins Set streute, diese aber dermassen verfälschte, dass man sie sogar als Fan nur mit Mühe erkannte. So wurde zum Beispiel aus der packenden Up-Tempo-Nummer „Holy City“ dann eine Bass- und Synthie-triefende Ballade.

Grundsätzlich kann man das Konzert jedoch nicht negativ kritisieren. Joan war wie immer stimmlich in Topform, wenn auch etwas still an diesem Abend. Sie wirkte in sich gekehrt und wendete sich nur selten direkt ans Publikum. Benjamin Lazar Davis erwies sich auch eher als zurückhaltender Mensch und zeigte keinerlei Ambitionen, den Unterhalter zu spielen. Vielleicht ergänzten die beiden sich so ganz gut. Nur sorgte der doch sehr einheitliche Musikstil und die dürftige Interaktion mit dem Publikum an diesem Abend dafür, dass es eine Spur zu monoton war, auch wenn der träumerische Elektro eigentlich ganz gut in die vorweihnächtliche Stimmung gepasst hat.

Man wird sehen, wo es Joan Wasser musikalisch noch hinverschlägt und ob sie doch noch einmal an die Erfolge von „Classic“ anknüpfen kann.

Konzert-Kritik: Who Killed Bruce Lee, 23. November 2016 im Eldorado in Zürich

Das Eldorado war locker gefüllt an diesem unscheinbaren Mittwoch Abend, die Stimmung unter den anwesenden paar Nasen ruhig und angenehm. Niemand hätte wahrscheinlich zuvor geglaubt, dass man die folgenden gut 1.5 Stunden in purer Ekstase herumtanzen und -hüpfen würde. Who Killed Bruce Lee, die in ihrer Heimat bereits für einiges Aufsehen sorgten, sind in der Schweiz noch ein absoluter Geheimtipp – jedoch machten sie ihrem vorauseilenden Ruf als grandiose Liveband in Zürich wirklich, wirklich alle Ehre.

Die vierköpfige, ursprünglich aus dem Libanon stammende, bärtige Band widmet sich musikalisch einer erfrischenden und vielseitigen Mischung aus Dance-Punk, Elektro, Blues und Indierock. Angeführt wird die Truppe von Wassim Bou Malham, der stimmlich jedem gestandenen Metal-Sänger die Show stehlen würde. Mit einer unglaublichen Range, sowohl im hohen Schrei-Bereich wie auch in tieferen Lage mit einem warmen Timbre ausgestattet, überzeugte er den ganzen Abend mit einer Topleistung. Diese Topleistung vollführte er sowohl als Sänger wie auch als Entertainer. So sprang er schon ziemlich früh zu Beginn des Sets ins Publikum, um die ersten paar Reihen zu animieren und erzählte zwischen den Songs Anekdoten aus der Heimat. Später verteilte er Instrumente unter den Leuten, bewegte zu Mitsingparts und brachte die schüchterne Schweizer Meute sogar irgendwann dazu, näher an die Bühne zu treten und sich vom schützenden Dunkel in Bar-Nähe zu entfernen. Das Ganze gipfelte zuletzt mit ihrem Hit „Young Love“ in einer wild ausbrechenden Sitz-La-Ola. So forderten Who Killed Bruce Lee, in Kurzform WKBL, von ihrem Publikum einiges an sportlicher Leistung und Ausdauer, und dem konnte man sich nicht entziehen, egal wie sehr man sich dagegen zu wehren versuchte (oder sich mit einem verstauchten Zeh rumschlagen musste). Egal ob dahinpreschende Gitarrensoli, messerscharf sitzend abgemischte Drums, einnehmender Gesang des Frontmanns oder Show-Einlagen des humoristisch versierten Keyboarders (inklusive Rap-Einlage) – an diesem Abend stimmte einfach das Gesamtpaket.

So hatte dann die Band irgendwann keine Songs mehr im Repertoire und man rang nach diesem gewaltigen, energiestrotzenden Gig gemeinsam nach Luft, mit Schweissperlen auf der Stirn und seligem Lächeln auf den Lippen und den letzten, verklingenden Gitarrenriffs im Kopf nachlauschend. Und während das Eldorado noch erschöpft vor sich hin dampfte, liessen Band und Publikum den Abend bei vielen herzlichen und spannenden Gesprächen und ein paar Bierchen ausklingen.

Ihr letztes Album, „Distant Rendezvous„, ist übrigens seit Februar diesen Jahres erhältlich. Der Sänger versprach ausserdem, dass Who Killed Bruce Lee im März oder April 2017 wieder in der Schweiz spielen würden. Man darf sehr gespannt sein, was diese sympathische und vielversprechende Band hierzulande noch alles erreichen wird.

Konzert-Kritik: Europe, 16. November 2016 im Volkshaus Zürich

Im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums ihres Erfolgsalbums „The Final Countdown“ tourt die schwedische Hard-Rock-Band Europe momentan wie wild um die Welt. Gross promotet wurde im Vorfeld die Tatsache, dass sie an den Konzerten das ganze Album der Länge nach durchspielen würden – was für eine Sensation! So erwartete man also für den kommenden Gig in Zürich ein paar Songs von anderen und neueren Alben und im Anschluss dann das besagte Album, welches vor Hits natürlich nur so strotzt. Doch diese Rechnung hat man ohne Europe gemacht. Die Setlist sah nämlich vor, dass zuerst das gesamte „War of Kings“ Album aus 2015 gespielt wurde und erst im Anschluss das Hit-Werk. Dies war schlussendlich etwas zuviel des Guten, aber fangen wir von vorne an.

Ein pompöses Intro kündigte den Start des Konzertes an. Mit einer epischen Video-Einspielung und tosendem Donnergrollen wurde das Album „War of Kings“ angepriesen und sogleich legte die Band mit einem ordentlichen Synthi-Sturm los. Vielleicht eine Spur zuviel Synthi, denn der Sound kam ab und zu etwas zu breiig und künstlich aus den Boxen. Dadurch, dass Europe die 80er-Hard-Rock-Mentalität auch heute noch durch und durch in ihrer Musik verkörpern, war es auch nicht weiter verwunderlich, dass Bandmitglieder Sonnenbrille oder Cowboyhut trugen, oder dass Frontmann Joey Tempest’s Lederjacke mit Nieten und Glitzersteinchen verziert war.

Nun denn, das ganze letztjährige Album wurde durchgespielt – und kam überhaupt nicht gut an. Die Songs glichen einem dem andern, es gab wenig Abwechslung und es fehlten Lieder mit Hitcharakter. Es ist einerseits supermutig, ein neues Album in voller Länge durchzuspielen, andererseits dramaturgisch gesehen totaler Blödsinn – ausser man hat wirklich ein grandioses Album hingelegt. So kam es dann auch, dass es, wo vor Konzertbeginn noch wild getobt und geschrien wurde, nun verdächtig ruhig im Zuschauerraum wurde. Ausserdem plauderte das Publikum reichlich, die Aufmerksamkeit schlug um in Desinteresse und die Stimmung im Saal blieb die erste Hälfte des Konzerts somit ziemlich mau.

Gut eine Stunde und somit der Albumlänge entsprechend schaute man diesem Debakel hilflos zu und wollte den Konzertabend eigentlich bereits abschreiben – doch dann kam die Wende. Nach einer kurzen Unterbrechung wurde mit einem weiteren epischen Video-Intro das viel zu lang ersehnte Album „The Final Countdown“ angekündigt und wer hätte es gedacht: Zig Hände schnallten wie auf Kommando in die Höhe, meist inklusive Smartphone, und plötzlich war die Stimmung im Publikum wie ausgewechselt. Man flog gemeinsam mit Europe zurück ins Jahr 1986. Nun kamen endlich die Hits und angefolgt vom Namensgeber des Albums folgten jetzt alle Songs, auf die man viel zu lange warten musste. Um der abrupt aufgekreuzten Nostalgie noch das Sahnehäubchen aufzusetzen, wurden im Hintergrund alte Videoaufnahmen abgespielt. Es zeigte sich deutlich, dass die alten Hits einfach viel mehr Schmackes hatten und viel zugänglicher und ohrwurmiger waren. Während im Hintergrund Joey Tempest in engen Lederhosen und viele wehende Haare bzw. Mähnen durch die Bilder zogen, folgten auf der Bühne Mitsing-Parts, mitreissende Gitarrensoli und ganz viel 80er-Jahre-Attitüde. Es lief alles rund und im Zuschauerraum gabs kein Halten mehr. Tonsicher und kräftig sangen alle mit, wo es nur ging und man konnte sich sicher sein, dass auch das eine oder andere Tränchen bei „Carrie“ verdrückt wurde.

Somit haben Europe dann zum Glück doch noch die Kurve gekriegt. Wäre das Konzert etwas abgespeckt worden und hätte man die Songs rund um das Hit-Album etwas variantenreicher gewählt, wäre das ein perfektes Konzert gewesen um so richtig in der Vergangenheit zu schwelgen.